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Menschen bei Laumans: Theodor Reinders Wie die Gebr. Laumans mit Arbeitern aus Goch den Wiederaufbau am Niederrhein starteten Text: Ruth Witteler-Koch für Geb. Laumans GmbH & Co KG Schwere Bombenangriffe am 7. und 12. Februar 1945, Artillerieangriffe und Häuser-kampf in den darauf folgenden Wochen haben das niederrheinische Goch zum Ende des 2. Weltkrieges in eine Trümmerlandschaft verwandelt. Rund 80 Prozent der Ge-bäude sind zerstört, als der nationalsozialistische Spuk vorbei ist und Bürgermeister Dr. Josef Kaut vor der Aufgabe steht, genügend Wohnhäuser wieder herrichten zu lassen, um die aus der Evakuierung zurückkehrenden Bewohner über den ersten Nachkriegswinter zu bringen. Schon im Sommer fährt er ins knapp 60 Kilometer entfernte Bracht, um mit den Gebr. Laumans Dachziegelwerken einen unkonventio-nelle Abmachung zu treffen. Die Idee: Arbeiter aus Goch sollen in den nächsten Monaten bei der Produktion der dringend benötigten Dachziegel helfen – im Gegen-zug erhält Goch pro Mann und Monat 1.500 Ziegel für die Reparatur von Häusern. Hans-Peter Swertz, Jahrgang 1934, der den von Vater Paul gegründeten Kohlen- handel weiterentwickelt hat, kann sich noch gut an die ersten Monate nach dem Kriegsende erinnern: „Hier waren so viele Menschen arbeitslos. Sie waren froh, über die Ziegelherstellung wieder in Lohn und Brot zu kommen. Mein Vater und Quirin Laumans kannten sich aus gemeinsamen Internatstagen sehr gut. So funktionierte das Old-boys-Netzwerk: Arbeitslose fanden in Bracht in der Ziegelproduktion Arbeit und damit ihr Auskommen.“ Einer der Wiederaufbauhelfer der ersten Stunde war Theodor Reinders. Als 17- Jähriger fuhr er sechs Wochen lang von Goch nach Bracht ins Laumansche Ziegelwerk: „Montags früh ging es los, am Samstag Nachmittag fuhren wir zurück“, erinnert sich Reinders, als er jetzt noch einmal das Werk besichtigte. Für ihn ein besonderes Erlebnis nach so vielen Jahren zu sehen, wo er als junger Mann geholfen hatte, um die Obdachlosigkeit in seiner Heimatstadt zu lindern. Bis zu 20 Mann kamen für einen Zeitraum von bis zu sechs Monaten nach Bracht, um hier nach einer kurzen Anlernphase in der Dachziegelproduktion zu helfen. Dafür wurden ihnen Dachziegel für die Reparatur ihrer eigenen Wohnungen in Aussicht gestellt. „Meine Aufgabe war es zum Beispiel, die Frischlinge Stück für Stück zum Trocknen ins Regal zu legen, und mit ihnen später den Brennofen zu bestücken“, erinnert sich Reinders. Bei seinem Besuch in Bracht bei Laumans nach vielen Jahrzehnten erkennt er heute die Abläufe kaum wieder. Das, was er früher von Hand erledigt hatte, ist jetzt voll  automatisiert. Die fertig produzierten Ziegel kommen freistehend und ohne sich zu berühren in den Brennofen. Reinders ist begeistert von dieser Produktionsabwick-lung. Der Tunnelofenwagen ist seiner Ansicht nach erheblich schneller zu nutzen und ohne die Gefahr von Ziegelbruch, wie das damals eben häufiger durch das manuelle Be- und Entladen geschah. Für die Arbeiter aus Goch hatte Laumans eine Unterkunft mit Doppelstockbetten und eine Kantine eingerichtet. Und so waren die Aufbauhelfer, wie sie selbst berichten, und wie es sich in den Akten des Stadtarchivs Goch nachlesen lässt, gut versorgt: „Die Unterbringung der Jungens in der Baracke ist einwandfrei, ebenfalls die Beköstigung“, wird Ende Juli 1945 vermerkt, wenn auch brauchbare Einrichtungs-gegenstände aus Goch herbeigeschafft werden mussten und das Unternehmen noch Monate auf die Zuteilung vernünftiger Arbeitskleidung für die jungen Männer warten musste. Ernsthafte Sorgen mussten sich die Partner der ungewöhnlichen Kooperation zwischen Bracht und Goch – Bürgermeister Kaut, Quirin und Dr. Lambert Laumans sowie Paul Swertz – allerdings um die Versorgung des Brennofens mit der dringend benötigten Kohle machen. Rund 100 Tonnen vor allem hochwertiger Gasflammen-kohlen wurden pro Monat benötigt, um die Produktion in Gang zu halten und Dach-ziegel mit hoher Temperatur in guter Qualität herstellen zu können. Immer wieder mussten sie sich mit Bittbriefen oder bei persönlichen Besuchen ans Landeswirt-schaftsamt in Düsseldorf wenden, weil die zugeteilten Kohlen nicht ausreichten oder minderwertig waren. Bei der Suche nach geeigneten Lieferanten konnte Paul Swertz, der das Projekt koordinierte, seine beruflichen Kontakte als Kohlenhändler nutzen. Aber auch nachdem die Produktion von Dachziegeln bei Laumans endlich ins Rollen gekommen war, drohte dem vereinbarten Tauschgeschäft „Arbeiter gegen Ziegel“ ein jähes Ende, als auf Befehl der Militärregierung sämtliche Baumaterialien, auch Dachbedeckung jeglicher Art, beschlagnahmt wurden. Sie hatte eigene Vorstellungen, wo die bei Laumans produzierten Dachziegel am dringendsten gebraucht werden, und in diesen Plänen kam Goch zunächst nicht vor. So fuhr Paul Swertz mit Bürgermeister Kaut und einem Vertreter der Wohnungskommission im Oktober 1945 nach Kempen und Düsseldorf, um mit der Militärregierung über die Zuteilung von Dachziegeln zu verhandeln und das Scheitern der Kooperation mit Laumans zu verhindern. Die Gespräche hatten Erfolg: Die Militärs zeigten sich von der Eigeninitiative der Gocher Bevölkerung und dem seit Monaten laufenden freiwilligen Einsatz im Laumanschen Ziegelwerk so begeistert, dass sie am Ende 70.000 Dachziegel bewilligten. Schließlich erlaubten sie sogar, dass die Ziegel aus Bracht nicht zuerst ins Militärdepot nach Kempen geschafft werden mussten, sondern ohne Umweg direkt nach Goch transportiert werden konnten. Hans-Peter Swertz war als Kind selbstverständlich dabei, wenn Vater Paul samstags nach Bracht fuhr, um dort die Ziegel für Goch abzuholen und auf den Baustellen am Ort zu verteilen. Bewerkstelligt wurde der Transport mit einem Fahrzeug mit Holz-vergaser, das bis zu 2.500 Ziegel laden konnte und auch die Arbeiter von Goch ins Ziegelwerk und am Wochenende wieder zurück brachte. Theodor Reinders erinnert sich, dass die Ziegel der Typen Rheinland, Mulde und Ideal, die damals aus dem Laumanschen Brennofen kamen, auch bei den Bauern zwischen Bracht und Goch begehrt waren. Und so gab es auch das ein oder andere Tauschgeschäft, welches an den Behörden vorbei abgewickelt wurde. Auch Swertz erinnert sich: „Die Bauern gaben Schweinefleisch und bekamen dafür ihre Ziegel. Das Fleisch wurde dann in Milchkannen gepackt und unter den Scheiten versteckt, die als Brennstoff für den Holzvergaser unseres Lasters dienten.“ Dem Wiederaufbau in Goch haben diese heimlichen Geschäfte der Arbeiter keinen Abbruch getan. Und so machte sich Bürgermeister Dr. Kaut gemeinsam mit Paul Swertz im Dezember 1945 auf den Weg nach Bracht, um den Gocher Helfern für ihren Einsatz zu danken und ihnen zu berichten, in welch einem guten Ruf die Stadt durch ihr Engagement bei der Militärregierung gekommen sei. Hans-Peter Swertz schließlich, der als Kind die Ziegel-Transporte des Vaters begleitete, stieg 1952 als 18-Jähriger ins elterliche Unternehmen ein, das sich in den Nachkriegsjahren zum florierenden Heiz- und Baustoffhandel entwickelte. Inzwischen führt Sohn Rudolf das Bauzentrum Swertz mit derzeit rund 300 Mitarbeitern und Standorten in Goch, Kleve, Xanten, Alpen und Emmerich in dritter Generation. Hintergrund Die Gebr. Laumans GmbH & Co. KG ist ein weltweit tätiger Hersteller von Dachziegeln. 1896 von Stephan Laumans gegründet, besteht das traditionsreiche Werk im niederrheinischen Brüggen heute bereits in der vierten Generation. Wichtiger Tätigkeitsschwerpunkt ist die Produktion von glasierten und engobierten Dachziegeln – hier wendet Laumans ein innovatives Brennverfahren an, das nur wenige Hersteller beherrschen. Farb- und Formenvielfalt prägen das gesamte Produktspektrum: Die Produktpalette reicht von der traditionellen Hohlpfanne über verschiedene historische und regionalspezifische Modelle bis hin zu modernen Flachdach- und Hohlfalzziegeln im Großformat. Laumans verfügt heute über eine Jahreskapazität von rund 15 Millionen Dachziegeln und beschäftigt rund 90 Mitarbeiter.
Pflanzort: Stadt Goch
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