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Fronleichnam 1945 Text: Auguste Buscheinen eingeschult 1936 – entlassen 1944 1944 Brüggen wurde zwangsevakuiert. Am 25. November 1944 ging der letzte Transport nach Bockwitz in der Niederlausitz – mit mir. Am 8. Mai 1945 mußten alle Evakuierten aus dem Westen den Ostsektor verlassen. In der Amerikanischen Zone haben wir uns an die Menschen aus dem Waisenhaus von Eschweiler angeschlossen. Wir hatten Handwagen. Es waren Säuglinge dabei. Mit einem Floß setzten wir über die Elbe. Die Mulde bildete die Grenze zwischen russischem und amerikanischen Sektor. Kein Deutscher kam einfach so über die Mulde. Wir waren 20 Brüggener. Ein holländisches Ehepaar hat uns alle als Niederländer deklariert. Fronleichnam 45 erlebten wir in Grimmar. Grimmar war Diaspora, hatte jedoch viele katholische Flüchtlinge. „Fronleichnam 1945 Nach vielen endlosen Kilometern nach großen Strapazen, Ängsten, Nöten, Entbehrungen und Hunger haben wir Grimma erreicht. Eine kleine Stadt an der Mulde. Für uns eine vorläufige Bleibe. Wir wurden untergebracht in der Fürstenschule, ein großes Gebäude voller Flüchtlinge und Soldaten, die von den Russen wegen Krankheit oder Amputation entlassen wurden. Niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Es gab keine Ausreisegenehmigung. So vergingen Tage und Wochen. Die Gedanken an zu Hause waren stets da. Werden wir Brüggen noch einmal wieder sehen? Was ist mit unserem Vater? Lebt er noch? Es waren schlimme Gedanken. Nach einigen Tagen fanden wir eine kleine katholische Kirche. Ein alter Pfarrer aus Düsseldorf las jeden Morgen eine heilige Messe um 7 Uhr. Die Sperrzeit war aber von abends 20 Uhr bis morgens 8 Uhr.  Unser Pastor aus Düsseldorf aber bekam eine Sondergenehmigung und wir konnten vor 7 Uhr die Fürstenschule verlassen. Irgendwie holten wir uns Kraft in diesem Gotteshaus. Es waren einige Tage vor Fronleichnam. Der Stadtkommandant ließ von seinen Soldaten, es waren Amerikaner, Rundschreiben verteilen. Er bat alle Katholiken die in Grimma waren, sie möchten sich doch an der Fronleichnamprozession beteiligen. Irgendwie kamen plötzlich Menschen zusammen, die vorher monoton und stumm aneinander vorbeigegangen waren. Es wurden Vorschläge gemacht, was wir in unserer momentanen Lage bringen konnten. Nicht viel. Wir sammelten Konservendosen die in Häusernischen lagen und Blumen und Gräser, die am Wegrand standen. Es wurden zwei wunderschöne Altäre. Einer von den ungarischen Flüchtlingen und wir vom Westen. Die evangelische Kirche, es war eine sehr schöne und große, durften wir an diesem Fronleichnamstag benutzen. Ich werde diesen Tag nie vergessen. Die Menschen in der Prozession, den Ausdruck ihrer Gesichter, Leid und Not, aber auch Hoffnung und Zuversicht. Man spürte die Nähe Gottes, den Segen an den Altären, die feierliche Messe in der Kirche mit so vielen Menschen. Es war für uns alle ein Lichtstrahl in dieser dunklen Zeit. Unsere Mutter meinte, der Kommandant müsse ein guter Mensch sein. Am nächsten Tag, mit sehr viel Mut, ging sie zum Kommandanten und bat um eine Ausreisegenehmigung nach Brüggen. Wir konnten es nicht fassen. Sie kam zurück und hatte für alle Brüggener, die in der Fürstenschule waren, eine Ausreiseerlaubnis bekommen. Am nächsten Tag sind einige zum Bahnhof Grimma gegangen und haben die Fahrkarten geholt. Ich habe sie bis auf den heutigen Tag aufbewahrt: „Von Grimma nach Brüggen Niederrhein -  über Leipzig, Hamm, Duisburg, Düsseldorf -  573 km -  für drei Personen - 69,00 RM  - Tag der Ausgabe 12.06.1945“ Natürlich sind wir bis Brüggen nicht mit dem Zug gefahren, überall gab es Strecken, die vom Krieg zerstört waren. Viele Kilometer mussten wir laufen, um einen Anschluß zu bekommen. Wir haben es geschafft am 24.06.1945 haben wir unsere Heimat wieder gesehen.“
Pflanzort: Francesco Tulipani; Bracht
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