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Bäume vor dem ehemaligen Kloster in Brüggen, um 1950 Text: Otto Lehmann In der Mitte des vorigen Jahrhunderts war sie noch verhältnismäßig klein – die blutjunge Buche, die damals in der Nähe des mächtigen, im Kreuzherrenplatz tief verwurzelten Baumstammes stand. Beschützt und behütet, augenscheinlich auch eingeengt, wurde die Kleine von einer altehrwürdigen Mauer, die ihre Kindheit von der Klosterstraße trennte. Dort wohnte gegenüber dem ehemaligen Kloster von 1945 – 1954 , die der heute stattlichen Blutbuche ein Bild der Erinnerung an ihre Kindheit ist: Eindeutig führten damals im Schnee hinterlas-sene Spu--ren von der Klo-sterstraße zum geöffneten schmiedeeisernen Tor der Klostermauer. Sie kennzeichne-en sicher den Weg zum Rathaus, das mit seinen zahlreichen Ankündigungen in der Nachkriegszeit auf sich aufmerksam machte, um Rat und Hilfe zu geben. Wohl gleiche Aufmerksamkeit weckte bei Palm, der neben den historischen Bauwerken vor allem Bäumen in Brüggen zeichnerisch ein Denkmal setzte, das riesige Astwerk des kah-en Gehölzes vor der Kulisse des ehemaligen Klosters mit seinem reichen Fenstersegen.                             Nicht minder bedeutsam war für ihn die be-nach-barte, in einiger künstlerischer Freiheit vor dem Rat-haus postierte Blutbuche, deren Blatt-rot dem Winter trotzte und einiges von der feierlichen Stimmung eines Weih-nachtsbaumes ausstrahlte. Blutjung und doch schon so repräsentativ stand sie da, ganz der Würde von Kloster und Rathaus entsprechend. Bis heute hat sie diese Haltung bewahrt. Längst blickt sie, wie einst ihr Vorbild, weit über die Häuser der Klosterstraße hinaus und in die Fenster der höchsten Rat-hausetage hinein. Seit Jahrzehnten hat sie sich an die Freiheit einer ent-fernten Kloster-mauer gewöhnt –  an eine Freiheit, die ihr zugleich ge-nom-men wurde durch ein gitterartiges Netzwerk aus Steinen, unter denen sie nun ihre Wur-zeln ausbreitet und in die Tiefe senkt, um sich am Grundwasser der nahen Schwalm zu erfrischen und als Schirmherrin den Kreuzherrenplatz zu krönen.           Franz Palm Franz Palm (*1903 Bonn  † 1978 ebd.) Schon während der Schulzeit entwickelte der am 22. 09. 1903 in Bonn geborene Franz Palm eine mit Talent verbundene Liebe zum Zeichenstift, der ihn bei seiner spä-teren Tätigkeit als technischer Zeichner beim Amt für Wasserwirtschaft der Stadt Bonn ständig begleitete. Ne-ben seiner Arbeit erlernte er bei einem bekannten Bonner Kunstlehrer zudem das Porträtieren. Diese Fähigkeiten nutzte Palm in der Nachkriegszeit zum Broterwerb für seine Familie, mit der er in der Bonner Kaiserstraße seit seiner 1929 geschlossenen Ehe bis zur Zerstörung des Hauses durch einen Bombenangriff wohnte. Ehefrau Agnes Palm, eine geborene Thiele aus Burg bei Magdeburg, hatte indessen drei Töchter, aber nun kein Dach mehr über dem Kopf. Nach einer Evakuierungszeit fand die Familie schließlich 1945 Zuflucht bei Verwandten in Brüggen, wo sie vis-à-vis der Alt-deutschen Weinstube in der Klosterstraße einquartiert war. Hier zeichnete und aquarellierte Franz Palm die historischen Gebäude seiner Umgebung: Burg, Kloster und Klosterstraße. Zudem begeister-te ihn – wie J. H. Gillessen – die Schwalm-land-schaft mit ihren Bäumen, die er in zahlreichen Bildern und Variationen darstellte. Leonhard Jansen schrieb in einem kur-zen Streifzug durch die Geschichte von 1933 – 1946 (Brüggen, Bracht, Born, S. 221): 1946 „fand eine Gemäldeausstellung der beiden zu der Zeit in Brüggen lebenden Künstler Heinrich Gillessen und Franz Palm starke Beachtung. Eröffnet wurde sie mit einer Lesung, an der außer mir auch Heinrich Malzkorn beteiligt war.“ Zu diesem Ensemble geistiger Arbeiter in der Brüggener Nachkriegszeit zählte auch Bernhard Rött-gen, der 1951 die Ehrenbürgerschaft der Gemeinde erhielt. „Der Brüggener Maler Franz Palm hat die Urkunde gestaltet“, erwähnt Erwin Strick in seiner Röttgen-Biographie. Im sel-ben Jahr schrieb die Westdeutsche Zeitung: „Der Brüggener Kunstmaler Franz Palm hat für die St.-Antonius-Bruderschaft Born eine neue Bruder-schafts-fahne entworfen.“ Solche künstlerischen Aktivitäten waren damals eng mit dem Broterwerb verbun-den. „Franz Palm versuchte durch Verkauf von Zeichnungen und Aquarellen seine Familie über Wasser zu halten“, erinnert sich An-neliese Peters, eine Palm-Tochter, die durch ihre Heirat zu der in Brüggen bekannten Peters-Familie zählt. Adolf Peters war einst General-vertreter für die Brüg-gener Dampf-Falz-Ziegel-Fabrik. Alle drei Töchter heirateten in der Umgebung von Brüggen und blieben am Niederrhein, während ihre Eltern 1954 wieder nach Bonn zogen, nachdem die Heimatstadt dem ehe-maligen tech-nischen Zeichner eine Stelle am Bauamt angeboten hatte. Dass Franz Palm auch danach noch mit dem Niederrhein ver-bunden blieb, belegen zahlreiche Arbeiten, die er bei Besuchen seiner Töchter anfertigte und mit dem Vermerk „Bonn“ versah. „Bis zu seinem Tode 1978 nutzte er jede freie Minute, um zu skizzieren, zu zeichnen, zu aquarellieren und zu malen“, resümiert rückblickend Toch-ter Anneliese aus Nettetal. Nieder-krüchten und Erbach im Oden-wald sind heute die Wohnorte ihrer Schwestern. Das letzte Vierteljahrhundert seines Lebens schaute Franz Palm mit seiner ganzen Maler-leiden-schaft auf die Landschaft. So entstanden viele Bilder aus der Bonner Umgebung, aber auch Eifel-, Oden-wald, Schwarzwald- und Alpenlandschaften. Dabei hob er oft in der Natur Verborgenes – wie Pflanzen und Steine – aus seinen durchwanderten Land-schaf-ten hervor. Zudem fand im Alter das einst in Bonn erlernte Porträtieren einen späten Ausdruck in einigen Bildern von Ver-wandten, Bekannten und in etlichen Karikaturen. Den geliebten Zeichenstift, der sein Lebensbegleiter war, gab er erst im Todesjahr aus seiner Hand, die viel Kleines und Großes gleichermaßen erfasst hatte: Dazu gehören akribisch gestaltete Land-schaftsminiaturen wie das „Siebengebirge“ (9 x 12 mm) und großformatige Ansichtigen von histo-rischen Bauwerken seiner Heimatstadt Bonn. Auch Brüggen verdankt Palm einen reichen Nachlass, der den damaligen dörflichen Cha-rakter des kleinen Ortes mit seiner großen Vergangenheit in den Blick--punkt rückt: Histo-rische Bauwerke und die flache Schwalmlandschaft, in der sich immer wieder Meisterwerke der Natur „aufbäumen“, vereinen sich hierbei in einer anschaulichen Bild-sprache zu einem reiz-vollen Brüggener Geschichts- und Bilderbuch. , der an einem verschneiten Win-tertag in künstlerischer Freiheit eine Klostergeschichte erzählte Bild: Franz Palm, Zeichnung/Aquarell, 20,5 x 15,5 cm, signiert u. l.: Palm, Privatbesitz (Brüggen).
Pflanzort: Sabine Kistner; Bahr Köln
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